Naturerfahrung

Einleitung 

Natur, so weit die Augen reichen, die Ohren hören, die Nase riecht, die Zunge schmeckt, die Hände spüren. Natur vermitteln mit allen Sinnen. Das ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, das Ziel unserer im schönen Erzgebirge gelegenen Naturherberge.

Diese Zielsetzung ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern hat für uns als Naturschutzverband den Hintergrund, nach Wegen zu suchen, möglichst viele Menschen für die Anliegen des Naturschutzes, für die Bewahrung von Natur und Landschaft zu gewinnen. Aber welche Wege führen dorthin, wie bringt man Menschen und besonders junge Menschen dazu, dass sie Naturschutz akzeptieren, ja sich möglicherweise auch selbst in dieser Richtung engagieren und vielleicht sogar bereit sind, gewisse Einschränkungen dafür in Kauf zu nehmen.
Eine Art Grundvoraussetzung dafür ist wahrscheinlich eine „Verbundenheit mit der Natur", die aber nicht von selbst kommt, sondern nur entstehen kann, wenn man mit Natur in ihren verschiedenen Facetten möglichst oft in Berührung kommt, Naturerfahrungen sammeln darf. Allein rationale Erklärungen über Natur und Umwelt reichen meist nicht aus, ein emotionaler Bezug ist vonnöten. 
Das Wort „Naturverbundenheit“ ist allerdings weitgehend in Vergessenheit geraten, hat Staub angesetzt, ist altmodisch geworden. Schon lange hat die Ökologie ihren Siegeszug angetreten in unserer so sehr auf Wissenschaft und Technik ausgerichteten Zeit. Aber wie gesagt, mit der Ökologie allein kommt man nicht weit. Naturverbundenheit bräuchten wir wieder, nicht nur als Wort, sondern als Sichtweise, als Einstellung, als bitter notwendige Ergänzung zu den rein wissenschaftlichen Erklärungen, mit denen man uns überzeugen will, weshalb man Ökosysteme, Biotope, Arten etc. schützen muss. Als vorläufige „Krönung“ liefert man mittlerweile sogar Zahlenwerke ab, in denen man nachlesen kann, was ein Moor, eine Glockenblume oder ein Blaukehlchen „wert“ sind, was man am Ende also „zahlen“ muss, damit man sie vernichten darf. Was soll man damit anfangen, wenn man vor einer Margerite steht oder eine Feldlerche über einem ihr Lied singt. Dann geht einem das Herz auf oder eben nicht, dann spürt man die Schönheit und Einzigartigkeit der Welt oder eben nicht.

Fühlen wir uns heutzutage eigentlich noch so richtig als Bestandteil der Natur, als „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“, wie es Albert Schweitzer (1875-1965) einst so trefflich formuliert hat? Wir, die wir unsere Zeit am Fernseher, Computer oder Handy verbringen, an der Maschine stehen, am Schreibtisch sitzen oder im Auto fahren, manchmal durch eine Art hübsche Kulisse, die man wohl Natur nennt. Wissen wir noch wie sie heißen, die Geschöpfe da draußen, geschweige denn wie sie leben, wie sie versuchen zu überleben? Sind wir noch in der Lage, die Vielfalt und das Wesen von Naturerscheinungen zu erkennen und zu erfahren, oder kratzen wir nur noch an der Oberfläche, weit entfernt von einer tiefer gehenden Betrachtungsweise oder auch einfach nicht interessiert daran. Was würden wir sagen, wenn uns jemand beim Händewaschen auffordern würde, etwas zu erzählen über diese Flüssigkeit, die da wie selbstverständlich aus dem Wasserhahn rinnt. Würden wir erzählen von einem vielgestaltigen, wunderbaren „Stoff“, der uns in verschiedenster Form über den Weg läuft, als Regen, als Eis, als Schnee, als Bach, als Teich, als Meer; oder würden wir ihm kurz und knapp mit einer chemischen Formel beglücken, auf die man diese ganze Vielfalt scheinbar bringen kann: H2O?
Eine dieser vielen Formeln, Gleichungen und Ungleichungen, mit denen man uns quält von Kindesbeinen an und den Sinn für das Besondere, das Einzigartige, das Schöne an den Naturerscheinungen systematisch austreibt, indem man sie in Schubladen steckt.

Stundenlang konnten wir uns als Kinder mit einer Pfütze beschäftigen, sie war etwas Erstaunliches, eine Welt für sich. Als Erwachsene nehmen wir sie nur noch wahr, wenn wir hineingetappt sind und uns die Schuhe beschmutzt haben. Das Staunen über diese „Wunderwelt Natur“ ist uns abhanden gekommen, ist auf der Strecke geblieben. Wen wundert es also, wenn wir relativ emotionslos und tatenlos zusehen, wie sie ruiniert wird, systematisch und ohne Unterlass.
Und diese Entwicklung wird weiter fortschreiten. Wissenschaft und Technik und ihre Folgeerscheinungen werden noch viel schneller und umfassender in unser Leben eingreifen und neue Rahmenbedingungen schaffen als jetzt.
Wie stellen wir es also an, damit unseren Kindern die Natur, die Tiere, die Pflanzen nicht noch fremder werden als uns selbst, dass sich Mensch und Natur auch in Zukunft zumindest ab und zu noch „begegnen“ dürfen, dass die Natur und die Wesen, die in ihr leben, einen Wert, ein „Ansehen“ haben?

Die Frage ist dringlicher denn je, allerdings bei weitem nicht neu. Schon lange setzt man sich in Wissenschaft, Philosophie, Theologie und Kunst mit der Thematik auseinander, sucht nach alternativen Wegen zur Natur, nach eher ganzheitlichen, organischen Sichtweisen, in Abgrenzung oder als Ergänzung zur mechanistischen Vorgehensweise, die sich mit dem Siegeszug von Wissenschaft und Technik eingebürgert hat. Beispielhaft und vorbildlich ist dabei aus unserer Sicht ein schon vor einiger Zeit erschienenes Buch, aus dem wir Ihnen jetzt einige Auszüge vorstellen möchten, unkommentiert, einfach als Anregung für alle, denen das Thema am Herzen liegt.

Verlassene Wege zur Natur

Auszüge aus dem Buch „Verlassene Wege zur Natur. Impulse für eine Neubestimmung – Ein Lesebuch“, Walter Sauer (Hrsg.), 1992, Die Graue Edition, Südmarkverlag Michael Fritz, Witzenhausen
(Das Buch ist antiquarisch erhältlich über das Internet [z.B. www.zvab.de oder www.abebooks.de] oder auch als Neubuch [z.B. über www.die-graue-edition.de]):

„Dem heutigen Menschen ist der Zugang zu Natur und Naturschönem in mancherlei Hinsicht erschwert. Allzu häufig findet die Bekanntschaft mit dem Lebendigen nur noch im Fernsehen oder im Zoo statt, wo es doch auf die originale Begegnung ankäme. Die Schulen helfen hier auch nicht weiter. Im Gegenteil, Biologie ist längst keine Natur- und Lebenskunde mehr. In den höheren Stufen biochemisch orientiert und auch für den jüngeren Schüler bereits an Fachbegriffen ausgerichtet, ist das Lebendige der wissenschaftlichen Systematik geopfert.

Eine Unterrichtssituation , die sich alljährlich an vielen Schulen in ersten Klassen so ähnlich abspielt, mag die Misere verdeutlichen. Die Lehrerin bringt einen großen Strauß Tulpen. Jedes Kind erhält eine Blume, die es ‚ganz genau‘ betrachten soll. Dazu solle die Blütenblätter abgezupft, Staubbeutel, Staubfäden, Narbe und Fruchtknoten herausgebrochen werden; die Blätter sind vom Stengel, der Stengel von der Zwiebel zu lösen. Nun hat es alle Teile der Pflanze vor sich, nun kann es zählen und die Begriffe in ein wohlvorbereitetes Arbeitsblatt eintragen – und wer schon fertig ist, darf noch mit Farbstiften ausmalen. Vielleicht kommt hier einigen Schülern etwas von der Schönheit der Blüte zum Bewußtsein! Mit dem Klingeln wandern die zermanschten Tulpenreste als Abfall in den Papierkorb.

Auf eine solche Weise wird jede ganzheitliche Naturbetrachtung bereits in den Anfängen verbaut, wird das Organ für Naturschönheit, das jedes vollsinnige Kind in sich trägt, gefährlich verletzt, wird eine Achtung vor der lebendigen Natur zerstört. Wie anders könnte man pflanzliches Blühen, Reifen und Fruchten Schüler erfahren lassen! Wie sehr könnte man die ästhetischen Qualitäten und die Dimensionen des Lebens Wirklichkeit werden lassen! – Ohne hier in didaktische Überlegungen einzutreten, versteht es sich von selbst, daß Erziehung zur Naturbetrachtung immer auch ästhetische Erziehung mit umfassen muß. Des weiteren ist eine Wiederbelebung des Sinnlichen und der Sinne – in der Schule schon allzulange übergangen – vonnöten, denn erst die sinnliche Erfahrung führt zum Erkennen der Natur. Aus dieser Sicht ist es erfreulich, daß in jüngster Zeit von vielen Schulen wieder Gärten angelegt werden. Ohne die Bedeutung von Schulgärten zu überschätzen, bieten sie in Ansätzen die Möglichkeit einer sinnlichen Naturerfahrung, des Erlebens von Naturschönheit. Schließlich ist der Garten gerade Philosophen und Pädagogen zum Gleichnis des Lebendigen geworden.“ 

Walter Sauer

 „Wir sind auf Naturwissenschaft angewiesen. Alle Aufrufe, uns von dieser ‚verderblichen‘, ‚zerstörerischen‘, ‚inhumanen‘ Denkweise abzukehren, sind schiere Romantik. Aber wir können der Natur-Wissenschaft ein Korrektiv, eine ‚gegenhaltende Kraft‘...entgegenstellen: Natur-Erfahrung. Damit ist ein vom Willen nach Beherrschung freier Umgang mit der übrigen Schöpfung gemeint. Daß wir uns diesen versagen, ist so unnötig wie folgenreich. Wenn ein Kind nie einen Samen gesät, die daraus entstehende Pflanze entdeckt und gehegt hat; wenn es nie einen Baum bestiegen, nie einen Bach gestaut, nie ein gefährliches und gefährdetes Feuer gemacht hat, nie einen Drachen hat steigen lassen; wenn es nie erlebt hat, wie Erwachsene ein Insekt retten, die Vögel im Garten beobachten, auf die Laute der Natur horchen, einen Waldweg säubern, einen Berg besteigen und dies genießen; wenn es nie ein Pferd angefaßt, gerochen, geritten hat; wenn es nie ein Tier hat besitzen dürfen (unter Umständen, die dem Tier Qualen und den anderen Menschen Belästigungen ersparen) – wie soll ihm die Erhaltung der Arten, das ökologische Gleichgewicht, die ‚Natur‘ , diese ungeheuerlichste Abstraktion aller Abstraktionen am Herzen liegen.“

Hartmut von Hentig

„Jede liebevolle hingebende Betrachtung der Naturgestalten, auch eine schlichte Sammlung von Blättern, regt Heilkräfte der Seele an.“ 

Adolf Portmann (1897-1982)

 „Wirklich betroffen sind wir von der Mitweltzerstörung nur dort, wo sie schneller voranschreitet als die Verkümmerung unserer Sinne. Mit der Zerrüttung der Lebensgrundlagen hat es vielleicht nur deshalb so weit kommen können, weil uns die Sinne gleichzeitig vergangen oder sozusagen degeneriert sind – nicht physiologisch, versteht sich, sondern weil wir es mit unserer natürlichen Mitwelt nicht (mehr) zu tun hatten, so daß die Sinneseindrücke in unserer Seele nichts zum Klingen bringen konnten.“

Klaus Michael Meyer-Abich

„Schau, mein Kind, was da alles ist! Nur wer etwas weiß, kann zeigen. Wenn aber selbst Biologen kaum mehr Artkenntnisse besitzen und Familien, Gattungen, Arten von Lebewesen nach Eiweiß- und Genanalysen unterscheiden statt nach Gestalten, wenn sie so völlig an der bunten Wirklichkeit vorbeiforschen, dann müssen Laien einspringen. Denn im ökologischen Zeitalter müssen wir vor allem Art und Namen unserer Mitgeschöpfe kennen. Damit muß jeder bei sich selber anfangen, damit kein Kind mehr aufwachse, das nur den Hochhausbalkon, das Innere des Schulbusses und die Nummernschilder von Autos kennenlernt. Auch die städtische Umwelt bietet Natur. Deren Wahrnehmung muß von innerer Ruhe ausgehen, von der Entwicklung eigener Aufmerksamkeit für Baum, Wolke, Wiese. Bei nachmittäglichen Autofahrten im Herbst und Winter zeichnet sich kahles Geäst herrlich im Abendlicht ab und enthüllt Gestaltunterschiede: Ahornsilhouette, feinverzweigt mit letzten Samenfallschirmchen; Lindensilhouette, herzförmig wie das Blatt, mit feinen Stammaustrieben; dramatisch gekrümmte, rasch sich verjüngende Eichenäste; langausgezogene Buchenäste mit Bucheckern daran – dabei kann jeder in seiner Umwelt entdecken, allein oder mit Kindern. Einfache Hilfsmittel wie Bestimmungsbuch, Lupe, Fernglas bereichern die Wahrnehmung, machen das gemeinsame Entdecken leichter und zum fesselnden Abenteuer.

Wurzeln in die Erde treiben, auf ihr heimisch werden, das Feuer der Anteilnahme, ja Begeisterung weitergeben: Das wären die Grundlagen einer ökologischen Erziehung. Es gibt wohl einen angeborenen Sinn für die Natur. Aber auch wenn dieser schwächer sein sollte: Dann wird Erziehung erst wirklich wichtig. Das Beispiel, die Kunst des Verführens und die spätere Erinnerung werden das Ihre leisten. Irgendwann, vielleicht nach Jahren beim Gaukeln eines ersten Falters in der Märzsonne, beim Kuckucksruf im Mai, dem Schrei des Bussards, dem Duft der Lindenblüten, dem zarten Lila der Herbstzeitlose glimmt auch im Städterherzen eine Sehnsucht auf, die einst als Same hineingelegt worden sein mag
....
Man braucht also gar nicht so sehr didaktisch über ökologische Erziehung nachzudenken. Einfach die Aufmerksamkeit auszubilden: Das ist ökologische Erziehung. Sie glückt im nahen Bereich, etwa botanisierend im eigenen Garten, Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken bestimmend. Es ist kaum zu glauben, wer alles mit uns ein Grundstück bewohnt, oder im Friedhof, im Stadtpark zu Hause ist, am Rande des täglichen Schulweges. Alle reden von Umwelt. Lernen wir sie doch vor allem kennen, fangen an, sie zu mögen. Nur so wird der Garten, den zu pflegen wir beauftragt sind, in Erscheinung treten können.“

Barbara von Wulffen

 „Daß Wege zu den Tiefen der Natur, wenn auch abseits der herrschenden Bahnen von Wissenschaft und Zeitgeist, immer noch möglich sind, sollte wenigstens andeutungsweise zum Ausdruck gekommen sein. Wie diese Wege zu gewinnen sind, bleibt eine andere Frage. Ohne in die Erörterung konkret pädagogischer Möglichkeiten einzutreten, lassen sich einige grundsätzliche Thesen aufstellen:

- Die Begegnung mit lebendiger Natur muß in frühen, vorschulischen Jahren erfolgen, in einem Alter, in dem das Kind noch in ganzheitlich-magischer Beziehung zur Natur steht; Lebenserinnerungen großer Naturforscher bezeugen dies in voller Übereinsimmung.

- Die Hinführung zur Natur muß sich im Sinne einer Initiation vollziehen, wozu es Menschen bedarf, die, selbst mit den Kräften der Natur in Berührung gekommen, Kind und Jugendlichen über das Belehrende hinaus zu erreichen wissen.

- Naturerfahrungen bedürfen stets der sinnlich-ästhetischen Grundlage, setzen immer den tätigen Umgang mit der lebendigen Natur voraus, noch so ausgeklügelte Lösungen bleiben Surrogate.

- Die liebhabermäßige Betrachtung der Natur – in einem wörtlichen, über das unverbindliche Hobby hinausführenden Sinn – könnte ein erstes Ziel eines Weges zur Natur sein.

- Naturwissenschaftliches Wissen über die Natur, einschließlich ökologischer Zusammenhänge, ist zu einem kognitiven Verstehen der Natur unverzichtbar; zu einem ganzheitlichen Verstehen hat es nur dienende Funktion. Schule und Gesellschaft sehen diese Gewichtung anders; eine Umorientierung wäre notwendig.“

Walter Sauer

 

 

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